Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)
Ausgerechnet die Fabel „Der Maler“ trug Gellert im Dezember 1760 König Friedrich II. von Preußen vor, wohl wissend, daß dieser selbst komponierte (über 120 Stücke sind heute noch erhalten) und dichtete ...
Der Maler
Ein kluger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als, weil er Ehre suchte, malte,
Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn
Und bat sich seine Meinung aus.
Der Kenner sagt ihm frei heraus,
Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,
Und daß es, um recht schön zu sein,
Weit minder Kunst verraten sollte.
Der Maler wandte vieles ein:
Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen
Und konnt’ ihn doch nicht überwinden.
Gleich trat ein junger Geck herein
Und nahm das Bild in Augenschein.
„Oh!“ rief er bei dem ersten Blicke:
„Ihr Götter, welch ein Meisterstücke!
Ach welcher Fuß! O wie geschickt
Sind nicht die Nägel ausgedrückt!
Mars lebt durchaus in diesem Bilde.
Wie viele Kunst, wie viele Pracht,
Ist in dem Helm und in dem Schilde
Und in der Rüstung angebracht!“
Der Maler ward beschämt gerühret
Und sah den Kenner kläglich an.
„Nun“, sprach er, „bin ich überführet!
Ihr habt mir nicht zuviel getan.“
Der junge Geck war kaum hinaus,
So strich er seinen Kriegsgott aus.
Gellert trug die Fabel bis hierhin vor, der König lächelte wohlwollend und wollte nun auch noch die "Moral" der Fabel hören. Dort wird dann deutlich, dass es eben nicht um einen "Maler in Athen", sondern um einen "König in Berlin" ging, der nicht malte, sondern dichtete:
Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,
So ist es schon ein böses Zeichen;
Doch, wenn sie gar des Narren Lob erhält,
So ist es Zeit, sie auszustreichen.
Eine Empfehlung für den König - je lauter der Chor der einfältigen Schmeichler das eigene Werk lobt, desto nachdenklicher sollte das den Herrscher machen. Sich selbst loben fällt indes auch für einen Herrscher aus, und auch dazu gibt es eine Fabel unter dem Titel "Die eitle Nachtigall", in dem Fall ist es eine Fabel über Gellert selbst. Sie beginnt mit den Worten:
So hoch die Ruhmbegier erhebet,
Die die Natur den edlen Geistern gab,
Und die nach andrer Lob nur durch Verdienste strebet:
So tief setzt uns das Eigenlob herab.
Ein mehr als 250 Jahre alter Appell an die Zurückhaltung, wenn es um die Beurteilung eigener Leistungen geht ... Lassen wir Gellert noch einmal mit dem "Glücklichen Dichter" zu Wort kommen:
