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Ein Minnesänger im Meißner Land

Viele Menschen denken, wenn sie das Wort „Mittelalter“ hören, zunächst an Scheiterhaufen, Inquisition oder finstere Burgen. Das mag für Teile des „Mittelalters“ auch zutreffen, aber für die gesamte Zeit? Also wollen wir einmal die Geschichte bemühen, um uns in diese Zeit hineinversetzen zu können. Was wissen wir heute vom Mittelalter? Urkunden aus dieser Zeit gibt es nicht viele. Meist enthalten sie zudem lediglich Informationen zu Grundstücksverkäufen o.ä., ohne daß der Leser den Hintergrund dieser Beurkundungen kennt.
Aber da gibt es, speziell aus der Zeit zwischen 1150 und 1300, noch etwas anderes. Fast alle Klöster (Altzella, Meißen, Oschatz, Großenhain, Staucha, Nimbschen, Seußlitz, Mühlberg, Sitzenroda, Sornzig, Klosterbuch, Geringswalde, Zschillen) und auch viele Städte des Meißner Landes entstanden gerade in dieser Zeit. Siedlungen gab es oft schon seit Jahrhunderten, aber Städte in unserem Raum erst nach 1170. Solch großartige Kunstwerke wie die Wechselburger Basilika oder die Goldene Pforte in Freiberg können wir ebenfalls in diese Zeit datieren.
Wo soviel Aufschwung und handwerkliche Kunst in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum zusammenfallen, darf natürlich die Dichtkunst nicht fehlen. Damals konnten nur ganz wenige Menschen lesen und schreiben, selbst der Markgraf zählte nicht zu ihnen. Und dennoch sind einige Werke von damals noch heute fast jedem Deutschen zumindest dem Namen nach bekannt. Was also haben das Nibelungenlied, der Parcifal, Lohengrin oder Tannhäuser gemeinsam? Sie alle, und noch unzählige weitere Werke, stammen aus genau dieser Zeit!
Nun fehlt nur noch die Verbindung zum Landstrich zwischen Elbe und Mulde. Bevor wir sie aufzeigen, müssen wir uns noch kurz mit dem markgräflichen Hof in Meißen befassen. Den gab es nämlich damals eigentlich nicht. Das soll nicht heißen, daß der Markgraf ohne jeden Hofstaat dastand. Aber d e r Hof als solcher - das war eine enge, verräucherte und reichlich unbequeme Burg. Da es auch mit der Heizung nicht zum Besten stand, sehnten sich weder Markgraf noch Gefolge nach einem dauerhaften Aufenthalt in dem dunklen Kasten. Also zog der Markgraf, so lange es das Wetter erlaubte, mitsamt dem Hofstaat über die Lande. Übernachtung fand man in den Burgen und Besitztümern des Landadels und der Ritter. Hier wurde Recht vor Ort gesprochen und beurkundet. Selbstverständlich ging man auch auf die Jagd.
So ähnlich müssen wir uns die Situation am 26. August 1211 vorstellen, als Markgraf Dietrich (den man später den „Bedrängten“ nannte) in Oschatz eine Besitzübertragung beurkundete. Wo der Markgraf übernachtete, wissen wir nicht. Ebensowenig ist die Dauer seines Aufenthaltes hier bekannt. Einige seiner Begleiter, mehrere Äbte, Domherren und lokale Adelige, sind in der Urkunde als Zeugen genannt. Die vielen Nicht-Adeligen aber, die auch zum Hofstaat gehörten, bleiben zahl- und namenlos.

Bild oben: Walther von der Vogelweide in einer mittelalterlichen Ansicht.
Bild unten: Das mutmaßliche Grab des Minnesängers in Würzburg.
Als Dietrich allerdings etwa ein halbes Jahr später zum Fürstentag in Frankfurt am 18. März 1212 erscheint, hat er einen Begleiter, der ihn nicht nur in Gedichten lobpreist - was auf einen längeren Aufenthalt des Dichters am Meißner Hof hindeutet - sondern dessen Name noch heute untrennbar mit der mittelalterlichen Dichtkunst verbunden ist: Walther von der Vogelweide.
In der Forschung ist völlig offen, wo sich Walther von 1208 bis 1212 aufgehalten hat. Seine Gedichte, in denen er 1212 die Treue des „Meißners“ zum deutschen Kaiser preist, sprechen allerdings dafür, daß er schon länger am Meißner Hof zu Gast war. Übrigens nicht allein - auch Heinrich von Morungen, ein weiterer Minnesänger, weilte zu dieser Zeit hier.
Lange sollte sein Aufenthalt am Meißner Hof jedoch nicht mehr dauern. Das lag nicht etwa an Walthers Tod, der erst um 1230 erfolgte, sondern mehr an Walthers Art, auch seinen Unmut in Gedichten zu formulieren. Lange Gastspiele an den Fürstenhöfen Deutschlands gab es für Walther kaum. Jeder Fürst konnte stolz sein, wenn der Meister seinen Hof als Aufenthaltsort wählte. Aber die meisten Fürsten oder der Hofstaat waren dann auch froh, wenn der spitzzüngige Dichter wieder weiter zog.
„Ihm weiter seinen Ruhm zu künden, ich nun nicht mehr Willens bin“ - so lautet die unmißverständliche Botschaft Walthers wohl noch im gleichen Jahr 1212 an den „Meißner“, wie er Dietrich immer nennt. Der Grund dafür könnte im Unwillen des „Meißners“ liegen, dem fahrenden Sänger doch ein Stück Land zu schenken, auf dem er endlich seßhaft werden kann. So trennten sich vermutlich spätestens 1214 die Wege der beiden für immer, denn Walther ist nach heutigem Kenntnisstand nie wieder ins Meißner Land zurückgekehrt. Sein mutmaßliches Grab befindet sich im Lusamgärtchen des Domes zu Würzburg.



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