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Ein sächsischer Chronist in Boritz

Mehr als 20 in meinem Verlag erschienene Publikationen rund um Meißen und die Meißner Umgebung - auch von Johann Friedrich Ursinus - finden Sie hier.

Viele der heutigen Nachschlagewerke und Geschichtsbücher auch unserer Region sind im 19./20. Jahrhundert entstanden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwachte das öffentliche Interesse an der eigenen, aber auch der regionalen Heimatgeschichte. Chroniken, Romane oder Vereinsmitteilungen erblickten das Licht der Welt. Der Heimat wurde auch in der Schule breiter Raum gewidmet. Heute, im Zeitalter solcher Aussagen wie „Kultur ist keine Pflichtaufgabe“, mutet es fast utopisch an, daß Einzelhefte des „Landesvereins Sächsischer Heimatschutz“ um 1930 Auflagen von sage und schreibe 50.000 Exemplaren erreichten.
Die Person, um die es hier gehen soll, lebte noch vor dem beschriebenen „Erwachen“ in einer Zeit, als Beschäftigung mit Baukunst und Geschichte durchaus nicht selbstverständlich war. Oftmals hatten die Autoren dieser Frühzeit mit Vorurteilen ihrer Zeitgenossen zu kämpfen, und doch stellen ihre Werke nicht selten die aus heutiger Sicht einzige Verbindung zur Vergangenheit dar. Einer dieser Geschichtsschreiber, der sich vor allem im Raum Riesa - Großenhain - Meißen bleibende Verdienste erworben hat, war Johann Friedrich Ursinus.
Am 15. August 1735 in Meißen geboren, besuchte er später sowohl die Stadt- als auch die Fürstenschule in seiner Heimatstadt. Ab 1752 studierte er an der Akademie in Leipzig. Bis 1760 wirkte Ursinus dann als Informator (Hauslehrer) in verschiedenen Häusern, zuletzt bei den Familien Bücher und Promnitz zu Meißen. Anschließend arbeitete er 12 Jahre als Pfarrer in Beicha zwischen Lommatzsch und Döbeln. Leider ist aus dieser Zeit nichts von seiner Hand überliefert, da das Beichaer Pfarrarchiv 1790 vollständig verbrannte.
Das Domkapitel zu Meißen berief ihn 1772 als Pfarrer nach Boritz an die Elbe. Bis zu seinem Tode verblieb er hier im einstigen Burgwardsort zwischen Riesa und Meißen. Der von ihm aus seiner Boritzer Zeit stammende landesgeschichtliche Nachlaß umfaßt allein über 50 Bände handschriftlicher Aufzeichnungen, während an Druckschriften nur sieben verschiedene Werke existieren. Verdienste erwarb sich der Boritzer Pfarrer besonders um die Geschichte der Klöster und Kirchen in Riesa und Meißen.
Für spätere Historiker, wie z.B. Prof. Fritz Rauda bei seinen Untersuchungen zum Kloster „Heiliges Kreuz“, waren Ursinus Aufzeichnungen die oft einzige Quelle, wenngleich nicht immer vollständig und zutreffend. Das wiederum ist jedoch seiner Zeit geschuldet, denn Ursinus hatte nur wenige publizierende Zeitgenossen, die er um Rat fragen konnte.
Sein letztes gedrucktes Werk erschien 1790 - die deutsche Übersetzung der Chronik des Thietmar von Merseburg. Bis heute reichen die Finger einer Hand aus, um die Historiker zu zählen, die nach ihm diese Chronik übersetzten. Fast 200 Jahre lang versuchte niemand, es Georg Hahn gleich zu tun, der 1606 erstmals die Chronik aus dem Latein ins deutsche übersetzt hatte. Ursinus war der zweite Übersetzer.
Das Werk selbst mit einer „Bibel für Heimatforscher“ zu vergleichen, ist sicher nicht vermessen. Denn fast alles, was heute aus den an Schriftgut äußerst armen Jahren um die erste Jahrtausendwende noch vorhanden ist, steht im Zusammenhang mit dieser Chronik. Viele Orte in ganz Deutschland, auch in unserer Region, finden in diesem Werk ihre urkundliche Ersterwähnung.

Bild oben: Der weithin sichtbare Boritzer Kirchturm entstand 1888 neu, nachdem ein Blitzschlag den alten Turm schwer beschädigt hatte (Tel. für Besichtigungen der Kirche: 035266/82414).
Bild unten: Das Lebenswerk des Johann Friedrich Ursinus: Die Thietmar-Chronik.
Das Original der Handschrift des Thietmar befindet sich seit Jahrhunderten im Dresdner Staatsarchiv und war früher wie heute nur den berühmtesten Gelehrten zugänglich. Welchen Stellenwert man Ursinus seinerzeit beimaß, wird aus einer Passage des über 100 Seiten langen Vorwortes des Chronisten deutlich: „... war ich endlich so glücklich, den so sehnlich gewünschten Codicem manuscriptum Dithmari aus dem landesherrlichen geheimen Archive zu erhalten, und ihn vier Wochen lang im November des vorigen Jahres (1789, d.R.) in meinem Hause (in Boritz!!! d.R.) ... benutzen zu können. Eine Wohltat, welche mir, so lange ich lebe, unschätzbar und unvergeßlich bleiben wird, und die ich nie dankbar genug rühmen und vergelten kann!...“
Wenn man sieht, daß die Kommentare und Anmerkungen des Boritzer Pfarrers etwa die gleiche Länge (!) wie die eigentliche Übersetzung erreichen, hat er sich dieser Ehre wohl als würdig erwiesen.
Im Zeitalter der modernen Technik erkannte man erst im 20. Jahrhundert, daß die Dresdner Fassung der Thietmar-Chronik (es gibt noch andere) das Original ist. Ursinus hielt sich zwar in dieser Frage mit einem eindeutigen Urteil zurück - die Kommentare lassen jedoch keinen Zweifel an seiner Auffassung, die mit dem heutigen Erkenntnisstand identisch ist.
Das über 700 Seiten umfassende Buch selbst scheint die Krönung seines Lebenswerkes gewesen zu sein, wenngleich verschiedene Ausführungen von ihm, beispielsweise zur Geschichte des Fernrohres nicht minder interessant scheinen. Sechs Jahre nach dieser seiner letzten Veröffentlichung starb Johann Friedrich Ursinus am 9. Januar 1796 an Brustwassersucht. Er hinterließ druckfertig noch eine von ihm selbst angekündigte Neubearbeitung der lateinischen Ausgabe der Thietmar-Chronik, die allerdings nie gedruckt wurde.
Manches Detail der Werke des Boritzer Pfarrers entspricht natürlich nicht mehr dem heutigen Erkenntnisstand, und auch für neue Übersetzungen der Thietmar-Chronik bestand noch mehrmals Bedarf. Für viele Generationen nach ihm zählen seine Werke jedoch oft zu den ältesten und damit wertvollsten Quellen der regionalen Geschichte.



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