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Ein großer Künstler aus Waldheim

„Ochse siehsde Waldheim nich!“ rief man früher in Sachsen denen nach, die im Begriff standen, eine große Dummheit zu begehen. Es drohte das dortige Zuchthaus. Waldheim trug schwer an dieser Last. Heute sollte man wieder Waldheims schöne Seiten entdecken. Seine Lage im Zschopautal wird zu Recht als „idyllisch“ beschrieben. Der Turm des Jugendstil-Rathauses reckt sich weit über den alten Teil der Stadt empor. Seit Jahrzehnten gelten schon die nahe Burg Kriebstein und die Kriebstein-Talsperre als lohnende Ausflugsziele.
Waldheim weist indes eine Besonderheit auf, mit der sich nur wenige Orte in der „Provinz“ schmücken können: das im Freien aufgestellte Werk eines der bedeutendsten deutschen Bildhauer - des Georg Kolbe. Wer vom Rathaus über die Zschopaubrücke geht, kann das Kunstwerk - die „Große Knieende“ - schon bald erkennen.
Georg Kolbe war ein Kind der Stadt Waldheim. Zu seinem Geburtshaus führt der Weg von der „Großen Knieenden“ zunächst etwa 100 m nach links an der Brückenmühle entlang, dann nach rechts die steile Bahnhofstraße hinauf. Etwa 200 m vor der die Straße querenden Eisenbahnbrücke zweigt nach rechts die Breitscheidstraße ab. Hier befindet sich gleich am ersten Haus rechts eine Gedenktafel, der zu entnehmen ist, daß Georg Kolbe am 15. April 1877 dort geboren wurde.
Seine künstlerische Begabung zieht ihn schon früh in die Fremde. Mit 14 geht der junge Mann an die Kunstgewerbeschule nach Dresden, dann nach Leipzig, München und Paris. Dort lebt er vom Verkauf eigener Zeichnungen und Grafiken. Er will Maler werden.
In Rom trifft er mit dem sächsischen Bildhauer Richard Scheibe zusammen, der später durch seine großen Tierplastiken Berühmtheit erlangt. Hier erkennt Kolbe, daß seine eigentliche Begabung im Formen, in der plastischen Darstellung des Menschen liegt: „...Vorher hatte ich mich mit dem Malen herumgeschlagen - eine zerquälte Zeit! ... ich war zum Bildhauer bestimmt.“

Bild oben: Die Tafel an seinem Geburtshaus in Waldheim.
Bild unten: Die „Große Knieende“ in Blickweite der Waldheimer Zschopaubrücke.
Ein Zeitzeuge jener römischen Jahre behält unseren Künstler in der Erinnerung, freilich aus einem etwas anderen Blickwinkel: „Der junge Mann aus Waldheim redete immer wenig und aß viel.“
Georg Kolbe geht 1903 nach Berlin. Dieser Stadt bleibt er bis zu seinem Tod treu. Erste Erfolge stellen sich ein. Er wird Vorstandsmitglied bei der „Sezession“ und erhält ein Stipendium. Seine Plastik, die „Tänzerin“, erhält viel Anerkennung. Inzwischen Professor, schwärmen Kritiker und Chronisten von seinen Werken: „...sächsisch-sinnliches Formdenken, ganz gelöst und frei ... weltoffene, um universale Kenntnis bemühte sächsische Tradition...“. Bekannte Künstler stehen ihm Modell, z.B. die Palucca, Renée Sintensis und Wolfgang Lukschy.
In einer jungen Wagnersängerin findet er die Frau fürs Leben. Sie muß ihm sehr viel bedeutet und gegeben haben, denn als sie 1927 stirbt, versinkt der Künstler und Mensch in Schwermut. Er mietet sich ein Zimmer, von welchem aus er das Grab seiner Frau sehen kann. Zum Glück für uns sucht er wieder die Arbeit. Im gleichen Jahr stellt er sich selbst als „Der Einsame“ und seine tote Frau im „Requiem“ dar.
Im Dritten Reich werden einige seiner Werke absichtlich zerstört (z.B. das Heinedenkmal), doch Kolbe läßt sich nicht einschüchtern; zusammen mit seinem alten Bildhauerfreund Scheibe steht er verfemten Kollegen wie Barlach bei. Zu seinem 60. Geburtstag macht ihn seine Heimatstadt zum Ehrenbürger, und er schenkt Waldheim seine Bronzeplastik, die „Große Knieende“.
Der Gesundheitszustand des Künstlers verschlechtert sich im II. Weltkrieg immer mehr. Nach dem Krieg beteiligt er sich an der Bestandsaufnahme antifaschistischer Kunst in Dresden und soll anschließend in Berlin die Entwürfe und Modelle für die neuen Siegerdenkmäler begutachten. Dazu ein Chronist: „Hin und wieder wird der ratlose Kolbe geholt.“
Ein halbes Jahr nach seinem 70. Geburtstag stirbt Georg Kolbe am 20. November 1947 in Berlin.
Über die Bedeutung seiner Plastiken schreibt ein Freund, der Dichter Rudolf Georg Binding: „So äußerlich die Feststellung wäre, Kolbe verwende keine Requisite, keine Zutaten, keine Gewandung, ... so wichtig und wesentlich ist diese in der Geschichte der plastischen Kunst vor Kolbe nie aufgetretene Erscheinung des Alleinigen und des Formrechts, ... Kolbes Gestalten stehen im Raum, ... mit Blicken umtastbar, nirgends angelehnt, sich selbst, ihrer eigenen Kraft anvertraut und überlassen.“



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