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Die Wurzener Fehde von 1542

Ergänzt und erweitert aus: Luther und die Fürsten. Eine Anthologie von Robert Schmidt zur 1. Nationalen Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum in Torgau 2015. SonntagsWochenBlatt 2015

Moritz hatte sich von 1537 bis 1539 für längere Zeit am Torgauer Hof aufgehalten und wurde 1541 im Alter von nur 20 Jahren Herzog von Sachsen. Gerade der große Altersunterschied von 18 Jahren mag eine der Hauptursachen gewesen sein, weshalb es zwischen ihm und Kurfürst Johann Friedrich schon vor Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges einen Konflikt gab, aus dem fast ein sächsischer Bruderkrieg geworden wäre – die Wurzener Fehde von 1542. Johann Friedrich hatte nach der Weigerung des Meißner Bischofs, für das Stiftsgebiet Wurzen Türkensteuer an ihn abzuführen, die Stadt Wurzen besetzen lassen. Da sich Herzog Moritz nicht ganz zu Unrecht – für die Stiftsgebiete waren Kurfürst und Herzog gemeinsam zuständig – übergangen fühlte, und Johann Friedrich auf seiner Position beharrte, rüsteten beide Seiten kurz vor Ostern 1542 zum Krieg.
Martin Luther schrieb am 7. April 1542 einen an beide Fürsten gleichlautenden Brief, der die Fürsten am Abend des 8. oder am Morgen des 9. April erreichte. Dieser Brief enthält die bekannte Passage: „... ist doch das Stetlin Wurtzen nicht werd ...“. Zeitgleich traf am 8. April Landgraf Philipp von Hessen als Vermittler ein, und sprach noch am gleichen Tag in mit dem sich in Grimma aufhaltenden Johann Friedrich, und in Oschatz mit Moritz. Aus Oschatz schrieb er dann noch am 8. April einen Eilbrief an Martin Luther, denn es sah richtig schlecht aus: „Aber wir befinden beide Teile (Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz) ganz halsstarrig ...“. Landgraf Philipp war im Zweifel, ob er Frieden stiften kann, und bat Martin Luther darum, schnellstmöglich an beide Fürsten zu schreiben und sie zum Frieden zu bewegen, nicht ahnend, dass dieser Brief bereits unterwegs war.
Bereits am 9. April – dem Ostersonntag 1542 – schrieb Landgraf Philipp dann aus Grimma erneut an Martin Luther, und konnte eine völlig neue Situation mitteilen, denn es sei „bessere Hoffnung zum Vertrag, als zu denken gewesen wäre“. Nach den Aufzeichnungen des Melchior von Osse, Kanzler von Johann Friedrich und vor Ort anwesender Zeitzeuge, trat der auf Ostermontag, den 10. April 1542, vordatierte Vertrag am Mittwoch, dem 12. April 1542, in Kraft, und auch der damalige Oschatzer Stadtschreiber Johann Gregorius d.Ä. ließ in einem anlassbezogenen Gedicht diesen Konflikt erst am „Oster Mittwochen“ enden.
Die auf eine sächsische Chronik von 1588 zurück gehende Erwähnung von Grimma (auff dem Schloß) als Vertragsort und auch die erst im 20. Jahrhundert auftauchende Bezeichnung “Oschatzer Frieden“ für den Vertragsschluss nehmen beide eine gemeinsame Unterschriftsleistung am jeweiligen Ort an, die sich an Hand der zeitgenössischen Urkunden und Briefe aber in beiden Fällen bisher nicht nachweisen lässt. Beide Seiten unterschrieben den Vertrag offenbar getrennt in Grimma und Oschatz, denn das Dokument selbst enthält keinen Ort der Unterzeichnung, kein einziger Zeitzeuge erwähnt eine gemeinsame Unterschriftsleistung, und die Ratifizierung zwei Tage nach Vertragsdatum lässt ebenfalls nur diesen Schluss zu. Auch wenn das Wort „Frieden“ im Vertrag fehlt – eben dieser Frieden hielt bis zum Tod von Martin Luther im Jahr 1546.
Als nach dem 12. April 1542 Zeitungsboten durchs Land zogen, um die Nachrichten vom Ende der „Wurzener Fehde“ und von dem durch Landgraf Philipp von Hessen vermittelten Vertrag zwischen Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz zu verbreiten, blieb der wahre Friedensstifter im Hintergrund. Landgraf Philipp selbst hatte ja Martin Luther um einen Brief zur Lösung des Konflikts gebeten, und wir schauen noch einmal in den schon zitierten Brief Luthers vom 7. April 1542, den dieser sogar in Druck geben wollte und nach dessen Eingang bei beiden Fürsten es bis zum Vertrag vom 10. April 1542 keine 48 Stunden dauerte. Martin Luther als Friedensstifter – ein Auszug aus seinem Brief in heutigem Deutsch:

„Ich stelle mich auf dessen Seite, der Recht und Frieden anbieten und leiden kann oder begehrt, sei es mein gnädiger Herr der Kurfürst und seine Landstände oder mein gnädiger Herr Herzog Moritz und seine Landstände, denn es gibt hier kein Heucheln, ich rede für Gott und mein Gewissen. Die Seite, die Recht und Frieden sucht, soll sich getrost und fröhlich auf meinen Rat beziehen, dass ich es an Gottes Statt geheißen. Und sollte es doch, was Gott verhüte, zur Schlacht kommen, so neigt eure Häupter hierher gen Wittenberg und lasst euch segnen, empfangt unsere Absolution, und lasst unerschrocken eure Büchsen und Spieße gehen in die Kinder des Unfriedens.
Dem anderen unfriedlichen rachgierigen Haufen verkündige ich, dass es vor dem jüngsten Gericht keine Entschuldigung dafür geben wird, dass sie sich selbst in den Bann getan und sich Gottes Fluch ergeben haben. Und wenn sie im Krieg umkommen, sind sie auf ewig verdammt mit Leib und Seele ... Ich rate: Wer unter einem solchen unfriedlichen Fürsten kämpft, der laufe vom Schlachtfeld, was er laufen kann, errette seine Seele und lasse seinen rachgierigen unsinnigen Fürsten allein kämpfen mit denen, die mit ihm zum Teufel fahren wollen. ... Es ist ... verboten, Fürsten und Herren gehorsam zu sein oder Eide zu halten zu seiner Seele Verdammnis, das ist wider Gott und Recht.“

Kurz vor dem Vertragsschluss schrieb Dr. Brück am 10. April noch einmal an Landgraf Philipp, und bestand – wohl unter Bezug auf das Schreiben Luthers – durchaus darauf, dass Moritz der angreifende Teil gewesen sei. Herzog Moritz hingegen strafte Luther für diesen Brief bis zu dessen Tode mit Missachtung, Luther existierte für ihn nicht mehr. Am 30. Juni 1542 schrieb Moritz an seine Räte, dass Luther „... seinem Gebrauche nach nicht allein den Adel, sondern auch die großen Potentaten als Kaiser, Könige und Fürsten anzutasten pflege ...“
Alle Zeitgenossen – Luther, Melanchthon, Besolt, Brück, Osse – waren sich damals schon einig: dieser Vorgang wird zu einem dauerhaften Misstrauen beider Seiten führen. Strategisch trennten sich von nun an die Wege von Moritz und Johann Friedrich, aber bis Ende 1545 ging man noch gemeinsam auf die Jagd, zechte gemeinsam, und wartete ... – darauf, dass der friedliebende alte Mann, der es tatsächlich geschafft hat, zu seinen Lebzeiten keinen Religionskrieg erleben zu müssen, endlich die Augen schließt.
Anfang 1546 starb dann Martin Luther, und nur wenige Monate später brach der Schmalkaldische Krieg aus. Im April 1547 standen sich Johann Friedrich und Moritz dann tatsächlich auf dem Schlachtfeld von Mühlberg gegenüber ...



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