Ludewig Heinrich Christoph Hölty (1748-1776)
Speziell das Traumbild hat ihn seinerzeit berühmt gemacht, wie er selbst in einem Brief von 1774 schrieb.
Das Traumbild (um 1771)
Wo bist du, Bild, das vor mir stand,
Als ich im Garten träumte,
Ins Haar den Rosmarin mir wand,
Der um mein Lager keimte?
Wo bist Du, Bild, das vor mir stand,
Mir in die Seele blickte,
Und eine warme Mädchenhand
Mir an die Wangen drückte?
Nun such ich dich, mit Harm erfüllt,
Bald bei des Dorfes Linden,
Bald in der Stadt, geliebtes Bild,
Und kann dich nirgends finden.
Ich wandre, wenn die Sonne sticht,
Wenns stürmet oder regnet,
Und schaue jeder ins Gesicht,
Die meinem Blick begegnet.
So irr ich Armer für und für
Mit Seufzern und mit Tränen
Und mustr an jeder Kirchentür
Am Sonntag alle Schönen.
Nach jedem Fenster blick ich hin,
Wo nur ein Schleier wehet,
Und habe meine Lieblingin
Noch nirgends ausgespähet.
Komm selber, süßes Bild der Nacht,
Komm mit den Engelmienen,
Und in der leichten Schäfertracht,
Worin du mir erschienen!
Bring mir die schwanenweiße Hand,
Die mir das Herz gestohlen,
Das purpurrote Busenband,
Das Sträußchen von Violen;
Dein großes blaues Augenpaar,
Woraus ein Engel blickte;
Die Stirne, die so freundlich war,
Und guten Abend nickte;
Den Mund, der Liebe Paradies,
Die kleinen Wangengrübchen,
Wo sich der Himmel offen wies,
Bring alles mit, mein Liebchen!
